Leibniz

Gottfried Wilhelm Leibniz, der als „letzter Universalgelehrter“ gilt, wurde am 01. Juli 1646 in Leipzig geboren. Nach Hannover kam er 1676 auf Initiative des Herzogs Johann Friedrich und bekleidete Ämter als Hofrat und Hofbibliothekar.

Zu diesem Zeitpunkt hatte er sich bereits mit vielfältigen geistes- wie naturwissenschaftlichen Unternehmungen einen Namen gemacht. So war das Werk Nova methodus discendae docendaeque jurisprudentiae („Eine neue Methode, die Jurisprudenz zu lernen und zu lehren“) Frucht seiner juristischen Gelehrsamkeit, die schon in jungen Jahren so ausgeprägt war, dass die Leipziger Universität dem Zwanzigjährigen nur aufgrund seines Alters die Promotion zum Doktor der Rechte verwehrte. Als Diplomat unterbreitete Leibniz König Ludwig XIV. Pläne für einen Eroberungsfeldzug in Ägypten, die dieser zwar ablehnte, die aber über ein Jahrhundert später Napoléon Bonaparte als Grundlage seiner Ägyptischen Expedition dienten. Schon früh trat auch das mathematische Talent des jungen Ausnahmedenkers hervor: 1672/73 vollendete er Arbeiten an einer Rechenmaschine für die vier Grundrechenarten und wurde Mitglied der Londoner Royal Society. Ebenfalls in den 1670er Jahren entwickelte er parallel zu Isaac Newton die Infinitesimalrechnung. Zudem gilt er als entscheidender Vordenker des binären Zahlensystems, das zum Ende des 20. Jahrhunderts den Ausgangspunkt moderner Informationstechnologie darstellte und heute unser aller Leben zwischen Textverarbeitung und Datenautobahn zugrunde liegt.

Zur vollen Ausprägung seines Universalgenies gelangte Leibniz aber erst als Angehöriger des Hofes in Hannover. Mit historiographischer Verve wendete er sich ab 1685 dem Projekt einer Geschichte des Welfenhauses zu, von dem ausgehend er sich auch innovativ mit gesellschafts- und finanzpolitischen Themen seiner Zeit auseinandersetzte. 1700 war er maßgeblich an der Gründung der Königlich-Preußischen Akademie der Wissenschaften nach französischem und englischem Vorbild beteiligt, der er als erster Präsident vorstand und die noch heute als Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften zentrale Bedeutung für das Geistesleben des deutschen Sprachraums besitzt.

Gegen Ende seines ungemein produktiven Lebens wandte sich Leibniz mehr und mehr der Philosophie zu. So erschienen 1703 Neue Versuche über den menschlichen Verstand, mit denen er anerkennend, jedoch auch in Abgrenzung und mit deutlicher Kritik auf John Lockes Essay Concerning Human Understanding (1690) reagierte. Seine Auseinandersetzung mit den Gedanken Pierre Bayles manifestierten sich schließlich in der 1710 veröffentlichten Theodizee, die gewissermaßen das verdichtete Gesprächsprotokoll seiner Konversationen mit Sophie Charlotte im Berliner Schloss Charlottenburg darstellt. Hier geht Leibniz der Frage nach, wie sich die Existenz Gottes im Angesicht herrschenden Übels rechtfertigen lässt und gelangt zu der berühmten, oftmals heftig und hämisch kritisierten, in ihrer philosophisch-theologischen Brillanz jedoch nie widerlegten Erkenntnis, die von Gott geschaffene sei die „beste aller möglichen Welten“. Diesem Aufsatz folgte 1714 zwei Jahre vor seinem Tod sein Hauptwerk und das Kernstück Leibniz´scher Philosophie, die Monadologie. Mithilfe des Konzepts der Prästabilierten Harmonie entwirft Leibniz eine Einheitslehre, die alle Wesen als individuelle, in sich geschlossene und von je eigenen Vorstellungen beseelte Daseinszustände begreift, die Emanationen Gottes als „Urmonade“ darstellen. Mit seiner Monadologie gelingt es dem Philosophen, ein System des Zusammenhangs selbstständiger Individuen zu denken, das im heiteren Optimismus der Perfektibilität in Gottes Schöpfung auch auf die Überlegungen zur Theodizee zurückstrahlt.

Überhaupt ist es wohl diese positive Grundeinstellung zum Sein der Wesen in der Welt, die Leibniz´ Gedanken prägt und mit der er auf die von Gott gegebene Initiative des Menschen zur Verbesserung der Welt und zur Ausmerzung des Übels, wo es noch besteht, vertraut. Entgegen dem Bild, das heute gerne in düsteren barocken Farben von der hermetischen geistigen Überlegenheit und gnadenlos-mathematischen Präzision des großen Universalgelehrten gemalt wird, erscheint er so in einem anderen Licht. Nicht als unnahbarer Frühaufklärer, dessen strahlender Geist der Gegenwart mit Dualsystem und Infinitesimalrechnung ebenso brauchbare wie kühle Geschenke hinterlassen hat und dessen Argumentationskultur dem 21. Jahrhundert so fern erscheint wie die Musik des Hochbarock dem Hip-Hop. Sondern als zutiefst lebensbejahender und optimistisch-freudiger Geist, der dauerhaft gültige Systeme zur Beantwortung der großen Lebensfragen geschaffen hat und dessen Ideen zeitlos würdig sind, Gehör zu finden. Oder, wie Peter Sloterdijk bemerkt: „Für die künftige Geschichte der Menschheit wird es von Belang sein, ein Prinzip des Optimismus […] mit nach-leibnizschen Mitteln zu regenerieren. Falls dies gelänge: Wer wollte ausschließen, daß spätere Generationen in Leibniz einen ihrer wichtigsten Anreger finden werden?“ Die Beschäftigung der Neustädter Hof- und Stadtkirche mit dem großen Geist, dessen Körper in ihren Mauern begraben liegt, möchte Teil und Ansatz einer solchen Zukunft sein.

 

Seit 1. September 2004 feiern wir alljährlich im September die Leibnizfesttage. 

Von April bis Oktober findet die Führung „Leibniz in seiner Zeit“ jeweils samstags von 14.00 bis 14.30 Uhr statt.

 


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